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  • »thankmarvanbriest« ist der Autor dieses Themas

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1

Dienstag, 18. September 2018, 22:59

Kurtrierer Militär in Ingolstadt

Hallo zusammen,

das ist mein erstes Thema im Bereich Kriegsschicksale, da ich zugegebenermaßen erst kürzlich herausgefunden habe, dass ich Vorfahren habe, die im Kurtrierer Militär waren.

Ich habe eine Frage nämlich genau zu diesem Militär. Mein Vorfahr Adam Müller lebte im ausgehenden 18. Jahrhundert und war Canonier des Kurtrierer Militärs und lebte als solcher in der Festung Ehrenbreitstein mit seiner Familie. Er hatte 6 Kinder zwischen 1772 und 1780, die in der Festung geboren wurden. Im Heiratseintrag seiner Tochter aus dem Jahr 1801 wird Adam Müller als bereits verstorben angegeben. Zusätzlich steht da der Hinweis, dass er in Ingolstadt verstorben sei.

Jetzt ist meine Frage an dieser Stelle ob und wenn ja wann es eine Schlacht in Ingolstadt gab bei der das Kurtrierer Militär involviert war. Oder was hatte Kurtrier sonst mit Ingolstadt zu tun? Ich habe gelesen, dass es eine Festung in Ingolstadt gab. Gibt es dort eine katholische Festungspfarrei in der sein Tod verzeichnet gewesen sein könnte?

Vielen Dank bereits im Voraus für die Hilfe!

Thankmar

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »thankmarvanbriest« (18. September 2018, 23:04)


2

Mittwoch, 19. September 2018, 09:53

Hallo Thankmar,

Die kurtrierische Artillerie Kompanie auf der Festung Ehrenbreitstein bestand im Jahre 1797 aus 4 Offiziere und 59 Mannschaften. Nach einigen Angriffen der Franzosen auf Koblenz und die Festung Ehrenbreitstein (ab 1794), wurde die Festung 1799 durch Oberst Faber an die Franzosen übergeben. Neben den regionalen Truppen hatten sich um Koblenz auch 20.000 Österreicher zur Verteidigung eingerichtet.

Nach dem Frieden von Lunéville fiel 1801 das linksrheinische Koblenz an Frankreich, während die rechtsrheinische Festung Ehrenbreitstein Österreich zugesprochen wurde. Bei dem Abzug der französischen Truppen aus Ehrenbreitstein wurde von ihnen die Festung gesprengt. Die Festung wurde erst wieder ab 1814 aufgebaut.

Im Zuge dieser Ereignisse zogen die Franzosen auch in Ingolstadt ein und hatten die dortige Festung gesprengt. Befehlshaber der Franzosen war der Oberkommandierende der französischen Rheinarmee. Mit 7.000 Arbeitern hatte er bis zu seinem Rückzug 1801 die Festung abtragen lassen.

So dürfte klar sein, dass Adam Müller entweder als Kanonier oder einer dieser zahllosen Arbeiter war, die mit den Franzosen nach Ingolstadt gezogen waren.


Reinhard

Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von »Reinhard47« (19. September 2018, 09:58)


3

Mittwoch, 19. September 2018, 09:55

Hallo Thankmar,
im Juli 1799 zog die französische Revolutionsarmee in Ingoldstadt ein und schleifte Ende 1799 die Festung Ingoldstadt. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Ingolstadt…06%E2%80%931938)
Gruß - Detlef

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4

Mittwoch, 19. September 2018, 15:29

Also rekonstruiere ich das mal so: Adam lebte auf der Festung in Ehrenbreitstein mit seiner Familie, dann wurde die Festung 1799 durch die Franzosen zerstört. Seine Frau lebte daraufhin in Thal-Ehrenbreitstein. Adam schloss sich den französischen Truppen an und zog mit ihnen nach Ingolstadt wo er zwischen 1799 und 1801 während der Abtragung der dortigen Festung starb. Seine Töchter heirateten nach Koblenz. Seine Frau Elisabeth starb dort 1821 in der Altlöhrgasse wo sie mit ihren verwitweten Töchtern Catharina Gabriel und Sophie Rousseaux bis zuletzt lebte.

5

Donnerstag, 20. September 2018, 09:23

Hallo Thankmar,
rekonstruierst oder spekulierst Du? Aushungern und Verrat führten 1799 zur Übernahme und 1801 zur Sprengung von Ehrenbreitstein durch die Franzosen. Ich würde eher vermuten, dass sich Adam mit Familie und übrigen Verteidigern vor der Übernahme durch die Franzosen aus Ehrenbreitstein zurückgezogen hat bzw. geflüchtet ist. Er wird sich kaum seinem Feind angeschlossen und zur Schleifung von Ingoldstadt aufgebrochen sein. Eher könnte er von der Festung Ehrenbreitstein in die Festung Ingoldstadt geflüchtet oder ihr später zu Hilfe gekommen sein. Die Festung Ingoldstadt wurde Ende 1799 geschleift. Adam starb 1801 in Ingolstadt, vielleicht an Spätfolgen der Kämpfe oder aber aus anderen Gründen.

Gruß - Detlef

6

Donnerstag, 20. September 2018, 11:47

Nun ja, von einem Verrat der Festung Ehrenbreitstein weiß ich nichts. Als Grund für die Kapitulation werden die Versorgungsprobleme und die veränderte politische Lage angeführt. Am 27. Januar 1799 hatte jedenfalls Oberst Faber die Festung an die Franzosen übergeben. Der Festungsbesatzung wurde ein ehrenvoller Abzug mit ihren Fahnen und Handwaffen gewährt. Was aus diesen Einheiten geworden ist, konnte ich nicht klären, es gibt aber einen Bezug zu Bayern (österreichische Allianz).

Kurfürst Clemens zog 1786 von Philippsburg in das neuerbaute Koblenzer Schloss. Durch das Anrücken der Franzosen flüchte er im Oktober 1794 über das naheliegende Montabaur nach Augsburg. Es ist also gut möglich, dass die Truppen aus der Festung Ehrenbreitstein in die Landesfestung Ingolstadt verlegt wurden (rein spekulativ). Die Festung Ehrenbreitstein wurde erst im Jahr 1801 gesprengt. Die Frage, ob überhaupt Zivilisten in der Festung gewohnt hatten, konnte ich nicht klären. Auf Ehrenbreitstein ist das Landesmuse untergebracht, bei dem eventuell diese Frage geklärt werden könnte:
http://tor-zum-welterbe.de/landesmuseum-koblenz/[/size]

Möglicherweise wohnten die Angehörigen im Ort Ehrenbreitstein unterhalb der Festung. Rein spekulativ könnten die Familien von Adam auch in Koblenz gelebt haben. Es ist auch möglich, dass die Familie Adams nicht nach Ingolstadt gefolgt war, sondern in Koblenz blieb. Woher die 7.000 Arbeiter zur Schleifung der Landesfestung Ingolstadt kamen, konnte ich nicht klären. Ich denke, dass man sich da schon ein gedankliches Konzept, um die damaligen Ereignisse machen sollte. Über die Zeit kommen da oft unerwartete Bausteine, die sich da nach und nach einfügen lassen.


Reinhard

7

Freitag, 21. September 2018, 10:20

Hallo Thankmar,

vielleicht kann Dir das Stadtarchiv Ingolstadt weiterführende Informationen geben. https://www.ingolstadt.de/Kultur/Geschic…Stadtgeschichte

Gruß - Detlef

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8

Samstag, 22. September 2018, 10:22

Ok, zugegebenermaßen habe ich auch etwas spekuliert. Allerdings weiß ich aus einer sicheren Quelle aus der Zeit der französischen Besatzungszeit, dass Adam mit seiner Familie zunächst tatsächlich auf der Festung lebte, später lebte die Familie dann in Thal-Ehrenbreitstein wo seine Wittwe auch weiterhin lebte bis sie Anfang des 19. Jahrhunderts zu ihren Töchtern nach Koblenz auf die andere Rheinseite zog.

Dass der Adam Müller später zu den Franzosen übertrat ist natürlich fraglich. Andererseits heiratete seine jüngste Tochter auch einen französischen Soldaten. Also warum auch nicht. Es könnte aber natürlich auch sein, dass er als Kurtrierer Kanonier nach Ingolstadt floh (und sich nicht den Franzosen anschloss), denn in Aufzeichnungen nach seinem Tod erscheint er nie als Französischer sondern immer nur als Kurtrierer Kanonier.

9

Samstag, 22. September 2018, 14:45

Dass der Adam Müller später zu den Franzosen übertrat ist natürlich fraglich.

Nein, das glaube ich auch nicht, zumal sich der Kurfürst Clemens zuvor schon nach Bayern abgesetzt hatte (österreichische Allianz). Ich denke schon, dass Deine Vorstellungen durchaus Sinn machen. Ich wohne nicht unweit von der Festung Ehrenbreitstein entfernt und hatte auch in Koblenz einige Jahre gearbeitet, deshalb mein Interesse.

Reinhard

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10

Samstag, 22. September 2018, 15:27

Ja, das ist eine spannende Gegend. Gerade um die Jahrhundertwende zum 19. Jahrhundertwende war das ein Melting-Pot der Kulturen und bescherrte mir überraschenderweise einen böhmischen Maler, einen Kurtrierer Kanonier und einen niederländischen Soldaten mit jeweils interessanten Schicksalen als Vorfahren. Das hätte ich jedenfalls nicht erwartet.

Und dass Du da wohnst macht mich fast ein bisschen neidisch. Die Rhein-Mosel-Gegend ist sehr sehr schön!